24.-26.10.2006
Fahrsicherheits-Training
Viele Dinge des Alltags lassen uns im Straßenverkehr einfach aussehen, weil wir nicht wissen wie groß die Gefahren in Wirklichkeit sind.
Dank dem Fahrsicherheits-Zentrum am Nürburgring sind die Sinne der Außendienstler sensibilisiert und wir können jetzt noch sicherer auf Kundenfang gehen. Zwischen den einzelnen Übungen, konnte man interessierte "Benzingespräche" und Faible für das Auto bei dem stärkeren Geschlecht klar aufnehmen.
2006
Petra Diederich
Die finalen Vorbereitungen für's 24-Stunden-Rennen 2006 liefen perfekt. Das Rennfahrzeug stand in der Box in erster Reihe und unser Hospitality-Bereich, auf gut Deutsch Verpflegungszelt, war Dank der sich aufopfernden Familie Gerlitzki, Brigitte und Werner, perfekt platziert.
Noch einmal ein riesen Dank an dieser Stelle, an die Beiden und an die vielen Helferlein, die sich um das leibliche Wohl des Teams und unserer Gäste kümmerten. Bei der technischen Abnahme am Mittwoch hatten wir dann noch ein kurioses Problem mit den Zeitnehmern zu lösen. Unser Transponder sandte nur ein Signal aus, wenn das Fahrzeug rückwärts über die Testschleife bewegt wurde. Aber der Fehler fand sich und wir waren nun guter Dinge.
Abends fuhren wir beim Teilnehmerkorso mit einem behindertengerecht umgebauten Fahrzeug mit, das durch eine Bedienkonsole mit Joystick und keinem Lenkrad gesteuert wurde. Zu meinen Eindrücken könnt Ihr den entsprechenden Bericht lesen.
Am Freitag wurde es dann ernst. Zwischen 10.00 und 12.00 Uhr fand das erste Zeittraining statt. Ich fuhr nur zwei Runden auf der kompletten Strecke, Grand Prix Strecke und Nordschleife, um mein Soll zu erfüllen. Denn jeder Teilnehmer muss diese gefahren haben, um sich quasi für's Rennen zu qualifizieren. Mir reichte das komplett, denn ich fühlte mich sehr gut in dem neu abgestimmten Fahrzeug.
Zum letzten VLN-Lauf vor den 24-Stunden bekam unser Astra nämlich ein neues Fahrwerk verpasst. Dank des Abstimmungsvorschlags von unseren Fahrwerksspezialisten Eckhard Bachmann auf theoretischer und meinem Mann Lothar auf praktischer Seite, verbauten wir ein für das Fahrzeug perfekt passendes Fahrwerk. Es ließ sich sehr einfach manövrieren und in Grenzsituationen gut beherrschen. Wolfgang und Frank absolvierten auch nur ihr Pflichtprogramm und waren sehr zufrieden. Beim Abendtraining ging es nur noch einmal darum im Dunkeln rund gefahren zu sein und somit das Ego zu befriedigen. Alles war gut!
Endlich dann der Augenblick auf den jeder gewartet hat: Der Start des Rennens am Samstag um 15.00 Uhr. Wolfgang fuhr den ersten Stint. Kurz nach 17.00 Uhr war dann ich an der Reihe. Die Zeit in der ich durch unsere Box ging, mich komplett fertig machte, noch einen Schluck aus der präparierten Wasserflasche nahm und dann auf das Auto wartete, war sehr nervenaufreibend. Aber ein gewisser Adrenalinspiegel ist von Nöten, um die geforderte Leistung zu bringen. Dann stieg ich ins Auto ein, befestigte die Becken- und Schultergurte an der Schrittgurtschnalle und zog alles gut fest. Ich wusste da noch nicht, dass es das letzte Mal für heute sein wird.
Die Nervosität stieg bis zu dem Augenblick, als ich das erste Mal das Gaspedal betätigte. Dann war alles gut. Ich fuhr mit den vorgeschriebenen 60 km/h Maximalgeschwindigkeit aus der Box und beschleunigte ab der Boxenausfahrtslinie. Der Herzschlag ging nun schnell runter und Routine stellte sich ein. Ein paar heftige Lenkbewegungen zum Erwärmen der Reifen und dann war ich auch schon am "Haug-Haken", dem Eingang in die Mercedes-Arena. Es machte Spaß das Fahrzeug zu bewegen. Das Spiel mit den "Größeren" war absolut o.k. Sie ließen mich fahren, da wo kein Überholen mehr möglich war und ich ließ sie passieren, wo ich in der Lage dazu war.
Bis zu dem Zeitpunkt, der für mich das Rennende darstellten sollte. Ich fuhr gerade in meiner 3. Runde so gegen 17.20 Uhr über die Quiddlebacher Höhe auf den Flugplatz zu. Ich lenkte bei dem für Nordschleifenkenner bekannten Weg auf der linken Seite ein, in dem Bewusstsein, dass ich "alleine" bin. Auch keine geschwenkte blaue Fahne war zu sehen. Auf dem Weg zum ersten Scheitel der Doppelrechtskurve, gab es einen extrem unangenehmen Schlag in meine Beifahrertüre. Alles was ich in dem kurzen Augenblick sah, war gelb. Wie sich später herausstellte, war es der Heckflügel des Scheid BMW's.
Ich hatte das Gefühl die Kontrolle über mein Fahrzeug zu verlieren. Bei dem Blick aus dem linken Seitenfenster sah ich die Leitplanke schon sehr nah neben mir. Aber mein Wille unseren Astra zu retten war so groß, dass ich alles was zu diesem Zeitpunkt noch möglich war gab und mit wilden Gegenlenkaktionen das Fahrzeug wieder auf die Strecke zurück brachte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich wirklich froh, dass ich beruflich bedingt, ich bin Fahrsicherheitstrainer am Nürburgring, schon oft mit derartigen Grenzsituationen konfrontiert war und wahrscheinlich deshalb die Situation überstanden habe.
Der, wie ich jetzt sagen muss, extrem rücksichtslose BMW-Fahrer Oliver Kainz versuchte sich vor dem Scheitel - mit seinen rechten Rädern schon im Dreck - noch an mir vorbeizudrängen. Er verlor die Kontrolle über den "Eifelblitz", schlug mit der linken Stoßstangenecke in meine Türe ein und zerstörte sein Fahrzeug danach komplett in den Leitplanken. Schwache Leistung, denn er sollte eigentlich wissen, wie im entscheidenden Augenblick zu reagieren ist. Er war ja gefasst; er sah das Missgeschick kommen.
Nach Gesprächen mit anderen Fahrern auf schnellen Autos wurde mir bestätigt, dass an dieser Stelle nicht im Geringsten daran zu denken gewesen wäre an einem Langsameren vorbei zu fahren. Meine Gedanken in diesem Augenblick waren einfach nur: "Warum muss ich das Auto kaputt machen!?!" Das Team gab sich solche Mühe und ich beende das ganze schon nach so kurzer Zeit. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib und fuhr weiter. Das war nötig, um mich wieder etwas runterzuholen.
Beim Weiterfahren bemerkte ich dann, dass das Auto eigentlich noch ganz gut fuhr. Ich probierte immer wieder, ob am Fahrzeug alles o.k. ist, und das war es. In der Box angekommen übergab ich den Astra an Frank, da mein Adrenalin-Spiegel noch so hoch war, dass ich Schmerzen in den Armen hatte. Noch etwas benommen torkelte ich durch die Box ins Hospitality-Zelt. Wolfgang nahm mich in den Arm und tröstete mich. Ich hatte das Gefühl das Vorhaben "Wie fahren für alle Behinderten dieser Welt" zerstört zu haben. Er brachte mich zur Raison und bestätigte mir eindringlich, dass mit dem Auto alles gut ist.
Meine Anspannung fiel etwas ab. Aber auch mein Kreislauf. Mir wurde plötzlich extrem übel. Unsere Physiotherapeutin Petra und Brigitte brachten mich vorsichtshalber ins Medical-Center. Dort angekommen verpassten mir die Ärzte eine Halskrause und legten mir Zugänge für Infusionen am linken Handgelenk und im rechten Ellbogengelenk. Ich war etwas beunruhigt, was da jetzt vor sich geht. Ich fühlte mich immer schlechter. Als sich dann sensorische Störungen an jeweils drei Fingern und Zehen einstellten ging alles ganz schnell. Es hieß plötzlich nicht mehr nur nach Daun zum CT machen, sondern mit dem Hubschrauber nach Koblenz, um mögliche Erschütterungen beim Transport zu vermeiden. Dann stand für mich fest: Ich bin ein Looser; ich habe mein Team im Stich gelassen. Die nächsten Gedanken kreisten um meine Kinder: Wenn ich sie wieder sehe, werde ich dann auf meinen Füßen stehen oder im Rollstuhl sitzen. Es war eine schreckliche Vorstellung, und ich war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, positiv zu denken.
Gegen 18.00 Uhr wurde mir dann eine Vollnarkose verpasst, die es in sich hatte. Der Transport im Hubschrauber sollte mit möglichst wenig Bewegung meinerseits von statten gehen. Ich wachte dann schließlich am Sonntag am späten Vormittag auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses in Koblenz auf. Dort wurde mir dann mitgeteilt, dass sämtliche Untersuchungen ohne Auffälligkeiten blieben.
Am Nachmittag erfuhr ich, dass meine zwei Teamkollegen das fast Unmögliche wahr gemacht haben. Sie beendeten das Rennen unter größtem körperlichem Einsatz auf dem 91. Gesamtrang. Meinen absoluten Respekt vor dieser Leistung. Der schlechte Anfang fand dann doch ein gutes Ende.
Bis zum nächsten Jahr - Petra Diederich