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Rennstenogramm vom 24 h Rennen auf dem Nürburgring 2006

Mit der Qualifikation im überfüllten Starterfeld der zweiten Starter-Gruppe waren unsere ersten Erwartungen an das Team erfüllt. Das Auto lief perfekt und das Team funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk.

Die gesamte Truppe stellte sich mit leicht geschwellter Brust der Presse und zeigte den Selbstzünder voller Stolz auf dem Weg zur Startaufstellung. Das Blitzlichtgewitter ließ nicht lange auf sich warten, denn in der Boxengasse wurden wir bereits erwartet.

Die Runde vor dem Start widmeten wir dem Cheftechniker. Er fuhr diese Runde - als symbolischen Dank für die gute Arbeit - im Freiraum der Beifahrerseite mit. Er konnte so die Atmosphäre mitbekommen, die man nicht so einfach in Worte fassen kann. Der Startplatz war schnell bezogen und viele Schaulustige stolzierten durch das Starterfeld. Was einst der so lang geplante Traum war, sollte nun losgehen.

Der Start verlief nach Plan, jedoch kurz nach Übergabe an unsere Pilotin Petra, stellte die blanke Realität unsere Nerven auf eine richtige Zerreisprobe. Ein Fremdkontakt bei rund 200 km/h im Streckenabschnitt "Flugplatz" beförderte die Kollegin ins Gras. Normalerweise endet solch ein "Ausritt" mit einem Einschlag in die Leitschiene und dem daraus resultierenden Aus.

Unserer Pilotin ist es gelungen, durch ihre riesige Erfahrung gepaart mit einer Menge Fahrzeugbeherrschung die Kontrolle zu behalten und Frau der Lage zu bleiben. Mit letzter Kraft schleppte sie das havarierte Auto an die Box. Die Kollegin kam aus Sicherheitsgründen in das Krankenhaus nach Koblenz.

Unser lang geplanter Fahrer-Einsatzplan mit allen Details fiel in kürzester Zeit wie ein Kartenhaus zusammen. Erstmal klar denken, ruhig überlegen und dann noch mal nachdenken.

Rudi Heider, der Vater von Petra und die Seele der Crew, gab Tipps und Ideen, wie all das möglichst intelligent umgesetzt werden sollte. Sein Tipp: Lange Stints, länger als es normalerweise gehen könnte, um dem anderen Fahrer eine möglichst lange Erholung zu gönnen "…Ihr müsst Diesel sparen wo immer es geht, damit ihr keine unnötigen Tankstops habt, klar Jungs…?" Im Kopf stehen die Gedanken: "60 Runden pro Fahrer oder 20 Stunden mit zwei Piloten!". An das Handicap mal nicht gedacht.

Frank B. fuhr um sein Leben. Er kämpfte, rödelte mit dem Gedanken an das Vereinsziel. Er wollte nicht der sein, der unseren Traum zerstörte. Teilweise war sein optischer Zustand vor der Schlafpause wirklich stark bedenklich. Ihm standen die Tränen vor Verzweiflung in den Augen, doch es gelang ihm alle um sich herum zu motivieren und er hatte klar das Ziel vor Augen: Wir wollen ankommen! Die schnelle Regenerationsphase zeigte seine gute körperliche Verfassung und ihm gelang es in kürzester Zeit sich fit zu schlafen. Frank bestand jede Art der Zerreißprobe mit Routine. Zuerst mit einem Slowpunscher (Reifen der Luft verliert) später mit Plattfuß, zum Schluss humpelte er auf der Felge in die Box, holte sich neue Pneus und fuhr völlig unbeeindruckt wieder raus auf die Strecke.

Sicher kommt uns an dieser Stelle die perfekt organisierte Crew im Zelt zu Gute. Von Massagen bis zum Vitamin-Drink war alles punktgenau fertig und wurde von den Lieben aus dem Zelt, Brigitte, Jenny, Pia und Werner mit Freude und Zuversicht geplant.

Die Schlaflosigkeit machte selbst den Profis zu schaffen. Gegen Mitternacht gingen bei einem Crash vielen die Nerven durch. Sie zerstören ihre Autos ohne reale Reparaturchance. Fast 40 Minuten lang standen die Streckenposten, im Abschnitt Kallenhardt, mit der gelben Flagge auf der Straße und machten einen wirklich guten Job.

In der Nacht kam eine seltsame Paarung aus Müdigkeit und Einsamkeit auf uns selbst zu. Diese Emotionen sind kaum zu beschreiben. Der Mensch ist wie ein Motor, reagiert auf alle Faktoren um zu bestehen, saugt die Luft in die Lungen, um den klaren Blick nicht zu verlieren und gleichzeitig wird der nasse Rennanzug an den schlecht zugänglichen Stellen zur Rutschpartie. Der Helm drückt nicht nur auf die Laune des Fahrers.

Die Konzentration gebündelt zu fixieren auf die Augenblicke, die ganz besondere Aufmerksamkeit benötigen, ist ohne körperliches Training wirklich grob fahrlässig. Von hinten kommen gut und gerne 400 - 650 PSAutos mit teilweise 4 - 6 super hellen Xenon-Scheinwerferlampen. Gleichzeitig läuft man auf andere Teilnehmer auf, was gerade in kurvigen Teilen der Strecke, schnell durch geringsten Lastwechsel zum unter- oder auch zum Übersteuern führen kann. Denn der kleinste Fehler löscht alle Erwartungen im Nu aus.


Dann kam der Morgen, das ist die Zeit, in der der Großteil der Fahrer Jahr für Jahr ihrem Einsatz Tribut zollen. Hier hieß es: "Besonders cool fahren und das Auto planmäßig übergeben." Diese Aufgabe ist wie das Essen einer Suppe auf der Achterbahn. Die Crew wird langsam müder und müder, selbst die Fans, die immer mit den Fahnen schwenkten und tröteten, schlafen jetzt.

Die Lagerfeuer werden immer kleiner, ähnlich wie die Augen vieler Fahrer. Man ist wirklich einsam da draußen. Der Adrenalinspiegel fällt aufgrund der Müdigkeit ab und fordert den "kleinen Teufel" im Kopf zum Schlaf auf. Der "verrückte" Teil des Kopfes sagt "weiterfahren und nicht drüber nachdenken…"

Fast 15 Stunden sind wir nun unterwegs und so langsam fehlen einem normale Dinge, wie der "entspannte Toilettengang" am frühen Morgen, eine Tasse Milchkaffee, ein Frühstücksei, einfach ein richtiges Frühstück.

Die Kälte aus der Nacht und der Nebel mit dem Tau der Bäume, das ist das extra Risiko, was den Ring so riskant macht. Die Abgase des Vordermanns sind nicht so sauber wie es die Ausschreibung vorsieht, bei gut 60 - 70 Grad im Auto ist die Luft relativ schlecht.

Am Morgen schauten wir auf die Uhr und es waren noch ganze 6 Stunden bis zum Ziel. Jetzt erhöhten wir abermals die Schlagzahl, um jede Variante der Fehlerquote zu vermeiden. Frank B. fuhr in den frühen Morgenstunden die schnellsten Zeiten des Rennens. Unglaublich, aber das zeigt aus welchem Holz er geschnitzt ist. Langsam fahren ist je nach Rhythmus und Charakter des Fahrers zusammen mit dem Fahrstil so gut wie unmöglich. "Beim langsamen Fahren passieren Fehler, also drückt auf das Tempo", feuerte uns Rudi an.

Der letzte Fahrerwechsel stand an und die Boxengasse war überfüllt mit Zuschauern. Die Hektik aller anderen Teams lag förmlich in der Luft, doch unser Rudi gab uns zu verstehen: "Stell dir vor, du bist beim Training!"

Zuerst kämpft jeder für eine Sekunde auf der Strecke und zum Schluss fallen viele in das Tal der Fehler. Hier heißt es abermals alle Gedanken zu bündeln und ab durch die Mitte.

Zum Schluss steht ein Platz unter den Top Ten in der Dieselklasse und die unzähligen Zustimmungen, als erstes "Pro Handicap Team" dieses Ziel erreicht zu haben, mit fast nur zwei Fahrern.

Zum Glück kam jetzt Entwarnung aus dem Krankenhaus in Koblenz, wohin Petra per Hubschrauber am Vortag verlegt wurde, jedoch fuhr ihr Handschuh symbolisch immer mit.

Das Team, was diese 24 h Rennen auf eine besondere Art geprägt hat, ist Ausdruck für Fairness und Zusammenhalt in jeder "Lebenslage" und stellt gerne weitere Eindrücke dieses medienträchtigen Ereignisses vor!

2006
WOLFGANG MÜLLER







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